Espoir ist unser Qualitätsmanagement

Seit Sommer 2020 wohnt der heute 15-jährige Simon* auf eigenen Wunsch bei seinen Grosseltern, den Eltern seines Vaters. Sie sind damit zu seinen Pflegeeltern geworden und er zu ihrem Pflegekind. Espoir berät die Pflegeeltern und hat während rund einem Jahr Simons Besuche bei seinen getrennt lebenden Eltern begleitet. Die Besuchsbegleitung wurde aufgrund des positiven Verlaufs Ende 2020 beendet. Simon pflegt den Kontakt zu seinen Eltern mittlerweile eigenständig. Die Begleitung der Pflegeeltern läuft weiter.

Im folgenden Interview erzählt Simons Gross- und Pflegevater Peter Frei die Geschichte von Simon und warum er heute bei ihm und seiner Frau lebt. Peter Frei ist seit einigen Jahren pensioniert und war in seinem Berufsleben als Mechaniker tätig. Seine Frau Margrit ist ebenfalls pensioniert und hat im kaufmännischen Bereich gearbeitet. Zusammen haben sie einen Sohn, Kaspar, den Vater von Simon.

Warum lebt Simon bei Ihnen und nicht bei seinem Vater oder seiner Mutter?
Simon und seine Schwester sind Betroffene einer langen Kampfscheidung. Wir waren in dieser Zeit immer der Anker der beiden Kinder und pflegten eine sehr enge Beziehung zu ihnen. Das Umfeld mit den vielen Streitigkeiten war nicht gut für die Kinder. Die ältere Schwester von Simon hat uns immer wieder angerufen, wenn es zu Hause schwierig war, und mich gebeten, zu kommen. Ich habe dann jeweils versucht, die Kinder aus dem Schussfeld zu nehmen.

Wie ging es nach der Trennung der Eltern weiter?
Nach der Trennung der Eltern lebten die beiden Kinder erst mehrheitlich bei der Mutter und ihrem neuen Mann. Dort hatte Simon aber Konflikte mit seiner Mutter und noch heftigere mit seinem Stiefvater, sodass er nach ein paar Jahren zu seinem Vater zog. Simons Schwester ist ein paar Jahre älter als er und ist mit 18 Jahren von zu Hause ausgezogen.
Simons Vater war ebenfalls mit einer neuen Partnerin zusammen, mit der er gemeinsame kleine Kinder hatte. Doch auch diese Situation war alles andere als einfach für Simon. Einmal stand er in Socken bei uns vor der Wohnung. Er war von zu Hause weggelaufen, weil er es bei seinem Vater und der neuen Familie nicht mehr ausgehalten hatte. Diese hatten nicht mal gemerkt, dass er fort war. Er hat richtig gelitten dort. Die Situation eskalierte derart, dass er im Sommer 2020 mit 13 Jahren den Wunsch äusserte, zu uns zu ziehen.

Wie haben Sie auf seinen Wunsch reagiert?
Simon durfte natürlich zu uns kommen. Sein Wunsch, dass er zu uns ziehen wolle, war keine Überraschung für uns. Er hatte auch bereits als 7-jähriger Bub einmal gesagt, dass er lieber bei uns leben würde. Damals waren wir beide aber noch berufstätig und da die Eltern nicht mehr zusammen waren, hofften wir, dass sich die Situation für die Kinder stabilisieren würde.

Nichtsdestotrotz war es sicherlich keine einfache Entscheidung für Sie. Sie waren erst seit Kurzem pensioniert und hatten wohl andere Pläne.
Das stimmt. Meine Frau und ich hatten natürlich andere Vorstellungen. Aber für uns war klar, dass Simon zu uns kommen durfte. Alles andere hätte sich falsch angefühlt.

Wie lief die Platzierung konkret ab?
Simon hatte aufgrund einer früheren Gefährdungsmeldung bereits eine Beiständin. Diese hat seinen Wunsch, bei uns zu leben, an die KESB weitergeleitet. Die KESB entschied, den Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht zu entziehen und uns die Obhut zu übertragen. Mit den Eltern wurde eine Besuchsregelung und eine Besuchsbegleitung durch Espoir vereinbart. Meine Frau und ich wurden formell überprüft, ob wir uns als Pflegeeltern eignen und ob es Simons freier Wunsch sei, bei uns zu leben. Dann erhielten wir eine Pflegeplatzbewilligung des Amts für Jugend und Berufsberatung, mussten einen Pflegevertrag unterschreiben und Simon wurde unser Pflegekind.

Welche Auswirkungen hatte die Aufnahme von Simon auf Ihr Verhältnis zu ihm?
Uns war bewusst, dass sich unsere Rolle ändern würde. Wir sind nicht mehr die Grosseltern mit Ankerfunktion, sondern Pflegeeltern, die einen sicheren Hafen bieten wollen. Der Erziehungsauftrag für Simon liegt nun bei uns. Wir müssen Regeln bestimmen, altersadäquat mit ihm verhandeln, Grenzen festlegen und diese wenn nötig auch durchsetzen. Die Rolle der Grosseltern ist etwas in den Hintergrund gerückt.

Wie kam es zur Begleitung durch Espoir?
Uns war von Anfang an klar, dass wir uns in dieser Aufgabe begleiten lassen. Seine Beiständin hat uns dann Espoir vorgeschlagen.

Warum wollten Sie begleitet werden?
Gerade im Wissen um die innerfamiliären Konflikte habe ich mir eine Begleitung gewünscht. Ich bin der Meinung, dass die Aufgabe als Pflegeeltern sehr anspruchsvoll ist. Das Coaching ist ein Mittel, um sich zu reflektieren. Wir machen wahrscheinlich vieles richtig, trotzdem ist es wichtig, von einer dritten Person eine Bestätigung dafür zu erhalten. Das entlastet uns und gibt uns Sicherheit.

Wie ging es denn Simon, als er zu Ihnen zog?
Simon kam mit einem grossen Rucksack voller Enttäuschungen, Wut und Trauer zu uns. Nach seinem Umzug kam er in eine emotionale Krise und wollte seine Eltern eine Zeit lang nicht mehr sehen. Ich vermute, dass viele verborgene Gefühle hochgekommen sind, nachdem er bei uns zur Ruhe kommen konnte und der Druck von ihm abgefallen ist. Die ganzen innerfamiliären Konflikte, die während dieser Zeit aufbrachen, konnten wir mit Espoir besprechen. Das war sehr hilfreich und unterstützend.

Wie konnte Espoir Sie damals denn genau unterstützen?
Das Verhältnis zu unserem Sohn und der Ex-Schwiegertochter wurde durch die Obhut von Simon bei uns belastet. Es kam vor, dass die Eltern uns sagten, was Simons Bedürfnisse sind – zum Beispiel, was er gerne esse oder Ähnliches. Im Coaching haben wir ein Vorgehen besprochen, wie wir den Eltern die Sicherheit geben können, dass wir Simons Bedürfnissen gerecht werden, und wie wir uns gegenüber den Eltern abgrenzen können. Es gab auch Zeiten, in denen die Eltern uns gegenüber ihren Gefühlen Luft gemacht haben. Auf Rat der Begleiterin von Espoir haben wir auf die Vorwürfe und Anschuldigungen zurückhaltend reagiert. Wenn es uns zu viel wurde, haben wir uns gestärkt durch das Coaching auch mal auf eine «Kontaktpause» geeinigt.

Wie oft treffen Sie sich mit der Familienberaterin von Espoir?
Wir treffen uns alle zwei Wochen auf der Geschäftsstelle von Espoir zu einem Coaching. In diesen Gesprächen bringen wir aktuelle Themen ein und die Beraterin von Espoir bespricht diese mit uns.

Welche Themen besprechen Sie mit ihr?
Simon ist ein pubertierender Jugendlicher mit allem, was dies so mit sich bringt. Wir sprechen über Alltagsthemen wie seinen Medienkonsum oder die Freizeitgestaltung mit seiner Peergruppe, und natürlich auch über die Schule. Auch die Situation und der Umgang mit Simons Eltern ist immer wieder Gesprächsinhalt.

Wie geht es Simon heute?
Sein Gemütszustand hat sich stabilisiert. Er ist selbstsicherer geworden und pflegt heute wieder den Kontakt mit seinen Eltern. Er hat sich zu einem pubertierenden Teenager entwickelt, der uns fordert. Er ist neugierig und viel unterwegs. Er kann sich aber auch gut abgrenzen, wenn ihm etwas zu viel wird.

Was versprechen Sie sich von der Begleitung durch Espoir in Zukunft? Welche Themen könnten herausfordernd werden?
Simon ist nun in der Oberstufe. Er ist ein gescheiter Junge und kommt ohne grossen Aufwand durch die Schule. Wir denken aber, dass er noch lernen muss, in der Schule mehr zu investieren. Daran arbeiten wir momentan mit ihm. Ich wünsche mir Espoir weiterhin an unserer Seite, damit wir von unseren Herausforderungen erzählen können und im besten Fall darin bestätigt werden, dass unser Vorgehen zielführend ist. Espoir ist unser Qualitätsmanagement.

Was raten Sie anderen Verwandtenpflegeeltern?
Eigentlich reicht eine genetische Verbindung als Basis nicht aus, um ein Kind als Pflegeeltern bei sich aufzunehmen. Die Rolle als Pflegeeltern im innerfamiliären System ist in der Regel von Konflikten begleitet. Aber generell ist die Rolle als Pflegeeltern anspruchsvoll und muss immer wieder definiert werden. Wir können das Coaching von Espoir allen Pflegeeltern sehr empfehlen.

*Alle Namen sind im Interview aus Datenschutzgründen anonymisiert

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