«Wir haben alle immer wieder vergessen, dass ich ein Pflegekind bin»

Simona (30) und ihre Pflegeschwester Larissa (20) sind gemeinsam mit vier weiteren Geschwistern, von denen zwei leibliche Kinder und zwei Pflegekinder sind, in einer Grossfamilie aufgewachsen. Der Status als leibliches Kind oder als Pflegekind hat dabei überhaupt keine Rolle gespielt.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an das Aufwachsen mit Ihrer Pflegeschwester zurückdenken? Erinnern Sie sich an Ihr erstes Treffen?
Larissa: «Unser erstes Treffen hat vor 19 Jahren stattgefunden, da war ich 13 Monate alt und ich habe natürlich keine konkrete Erinnerung an diesen Moment.»
Simona: «Ich mehr oder weniger schon. Ich war damals zehn, als Larissa zu uns kam. Sie hat uns leid getan. Sie war ein ganz kleines, dünnes, bleiches, megaherziges Baby, das während der ersten Zeit bei uns viel geschrien und geweint hat.»

Was war bereichernd?
Larissa: «Dass ich immer über alles reden konnte. Wenn ich Probleme hatte, haben wir uns zusammengesetzt und gemeinsam Lösungen gesucht. Das Zusammenleben mit Tieren hat mir sehr geholfen. Wenn es mir schlecht ging, habe ich mich mit allen drei Hunden in mein Zimmer zurückgezogen. Die Anwesenheit der Tiere hat mir Kraft und Ausgleich gegeben. Es tat mir gut, wenn ich mit ihnen spazieren gehen konnte. Bereichernd waren und sind die vielen Geschwister: Meine beiden älteren Schwestern, mein älterer Bruder und, als ich 10 Jahre alt war, kamen noch zwei jüngere Pflegebrüder hinzu, die mich alle so angenommen haben, wie ich bin.»
Simona: «Wir sind sehr behütet und geborgen aufgewachsen und gleichzeitig haben wir durch unsere Pflegegeschwister Einblick in ein ganz anderes Leben bekommen, in dem z.B. Drogenkonsum vorkommt oder in dem mal kein Essen vorhanden ist. Dieses Bewusstsein, dass ein liebevolles Daheim nicht selbstverständlich ist, hat mein Leben am meisten bereichert und mich sehr dankbar gemacht für alles, was ich habe. Ich kann mir sehr gut vorstellen, selbst Pflegekinder aufzunehmen. Ich wünsche mir das für meine Kinder. Ein bereichernder, magischer Moment, den ich nie vergessen werde, war, als Larissa das erste Mal ihr Köpfchen an meine Schulter gelehnt hat und entspannt und ruhig in meinen Armen lag. Ich habe mich bestimmt fünf Minuten lang nicht gerührt, so ein schönes Gefühl war das für mich.»

Was hat genervt?
Larissa: «Mir fällt nichts ein. Das Einzige, was vielleicht für Irritationen gesorgt hat, war mein Äusseres: Meine Vorliebe für wechselnde Haarfarben, meine Piercings und Tätowierungen. Das war aber nie ein Grund für nachhaltigen Ärger in unserer Familie.»
Simona: «Eigentlich nichts, ich habe nie Eifersucht gespürt. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Älteste bin und mich auch immer ein wenig für meine jüngeren Geschwister verantwortlich gefühlt habe.»

Wie ist heute Ihre Beziehung zueinander?
Larissa: «Ich habe mich immer angenommen gefühlt von meinen Pflegeeltern und -geschwistern. Wir haben alle immer wieder vergessen, dass ich ein Pflegekind bin.»
Simona: «Für mich hat es nie einen Unterschied zwischen meinen leiblichen Geschwistern oder Pflegegeschwistern gegeben, genau wie meine Eltern es vorgelebt haben. Larissa steht mir gleich nahe wie meine leibliche Schwester. Es macht alles einfacher, wenn man den Unterschied nicht macht. Ich denke, das ist auch das Rezept unserer Familie bzw. unserer Eltern, dass es in unserer Familie so harmonisch funktioniert.»

Fällt Ihnen im Zusammenhang mit Ihren Pflegegeschwistern ein prägendes Erlebnis ein?
Simona: «Ich bewundere Larissa für ihr Selbstbewusstein, das ist wirklich echt. Wie sie zum Beispiel immer ganz selbstverständlich ihre High Heels getragen hat, obwohl wir alle eher die Turnschuhträger sind. Ich hätte das Selbstbewusstsein bestimmt nicht gehabt, so klar zu einem anderen Kleidungsstil zu stehen.»
Larissa: «Ich hatte nie Angst, nicht von meiner Pflegefamilie akzeptiert zu werden. Aber ich habe mich lange Zeit nicht getraut zu erzählen, dass ich rauche, denn die ganze Familie lebt sehr gesund und Rauchen ist verpönt. Da hatte ich Angst, es zuzugeben und als Pflegekind nun doch anders zu sein als die leiblichen Kinder.»

Haben Sie Tipps für Pflegekinder und leibliche Kinder für den Umgang miteinander?
Simona: «Es kommt sehr darauf an, wie alt die Kinder sind. Aber ganz wichtig ist, ehrlich mit sich selbst, den Eltern und Geschwistern zu sein. Seine Gefühle und Bedürfnisse auszusprechen, soweit man als Kind dazu in der Lage ist. Die Eltern sollten nicht die Erwartungshaltung haben, dass die eigenen Kinder das Pflegekind gerne haben müssen. Und umgekehrt sollten sie diese Erwartung auch nicht an die Pflegekinder stellen. Schliesslich gibt es auch unter leiblichen Geschwistern unterschiedlich innige Beziehungen.»

Sie haben Eltern sozusagen «im Doppelpack» erlebt. Wie sind Sie damit umgegangen? Haben Sie Loyalitätskonflikte gehabt?
Larissa: «Ich kenne nur meine leibliche Mutter, die vor anderthalb Jahren gestorben ist. Ich habe sie jedes halbe Jahr gemeinsam mit meiner Pflegemutter getroffen und einen sehr wertschätzenden Umgang der Elternteile erlebt: Meine leibliche Mutter hat meiner Pflegemutter beispielsweise zum Muttertag immer einen Blumenstrauss geschenkt. Meine leibliche Mutter war sehr froh, dass ich in dieser Familie aufwachsen durfte, und hat mir gesagt, dass ich meine Pflegemutter gerne haben darf. Umgekehrt gilt dies auch für meine Pflegeeltern. Es
bestand keine Konkurrenz zwischen ihnen.»

Wie wäre es für Sie, in einer Pflegefamilie mit anderen Kindern aufzuwachsen? Was wäre Ihnen dabei ganz wichtig?
Simona: «Dass ich so sein darf, wie ich bin, ohne den Anspruch, gleich sein zu müssen wie die leiblichen Kinder. Ich, mit meinem Charakter, hätte wahrscheinlich Angst, dass mich die Pflegeeltern nicht so gerne haben wie die leiblichen Geschwister. Ich würde es auch schätzen, wenn mir meine Pflegeeltern externe fachliche Unterstützung anbieten würden, um meine Lebensgeschichte besser zu verarbeiten. So wie meine Mutter Larissa eine Therapie bei einer Kinesiologin vorgeschlagen hat.»