Kommunizieren und Handeln im interkulturellen Kontext

Welchen Mehrwert bringen interkulturelle Kompetenzen im beruflichen und privaten Alltag.

Beitrag aus dem Bulletin 2018 Interkulturalität in der Familienarbeit
von Prof. Dr. Christiane Hohenstein und M.A. Adriana Sabatino, ZHAW Zürich, LCC Language Competence Centre, Arbeits- und Forschungsbereich Interkulturalität und Sprachdiversität

Migration ist kein neues Phänomen, doch sie bewegt und prägt unsere «postmoderne» Gesellschaft – so scheint es – wie nie zuvor. «Interkulturelle Kommunikation» und «Interkulturelle Kompetenz» sind in aller Munde. Ihr Mehrwert für den Arbeitsmarkt und konkret im Beruf ist den meisten bewusst, und sie gehören mittlerweile in jeden Lebenslauf. Doch das Verständnis dieser Konzepte bleibt häufig oberflächlich. Der vorliegende Beitrag soll die beiden Konzepte etwas klären und die Frage beantworten: Was hat der Erwerb interkultureller Kompetenzen im beruflichen und privaten Alltag für einen Mehrwert?

Ein Beispiel

Eine in die Schweiz eingewanderte eritreische Familie ist mit dem Problem konfrontiert, dass ihre Kinder als auffällig wahrgenommen werden. Die Familie versteht das Problem nicht und nach verschiedenen Kontakten mit den Schweizer Behörden entziehen diese den Eltern das Sorgerecht für die Kinder und platzieren sie fremd. Für die Eltern kommt dies unerwartet und ist ein unverständliches, traumatisches Erlebnis. Sie kommen sich machtlos und übergangen vor, sind verzweifelt. Das hatten sie nicht erwartet.

Die eritreischen Eltern erleben in diesem Fall einen Erwartungsbruch im Umgang mit den Schweizer Behörden: ihre Normalität wird plötzlich in Frage gestellt. Ihr unhinterfragtes kulturelles und gesellschaftliches Wissen wird als nicht mehr gültig erfahren. Sprachprobleme spielen dabei eine zentrale Rolle. In einer Fallanalyse machte ein eritreischer Dolmetscher deutlich, dass er aus der eritreischen Gesellschaft eine Kultur des gegenseitigen Beratens kennt, in der es bei Ehe- und Familienproblemen üblich ist, eine Beratungsrunde im Familienkreis und mit Vertrauenspersonen einzuberufen. In der Schweizer Migrationssituation fehlen diese vertrauten Personen, die sprachlichen Möglichkeiten sind eingeschränkt und es fehlt eine vergleichbare Kultur des Beratens. Wenn eine Situation als problematisch oder «nicht mehr normal» wahrgenommen wird, übernehmen stattdessen Behörden bestimmte Aufgaben. Sie bieten standardisierte Lösungswege für wiederkehrende Probleme in einer Gesellschaft. Aus der Perspektive einer Eritreerin oder eines Eritreers ist es dann schon allein schwierig einzuschätzen, an welche Institution sie sich mit welchem Problem wenden können. Ihre Erwartung an eine Kultur des Beratens wird sich nicht mit dem institutionellen Beraten decken, das Schweizer Institutionen anbieten. Möglicherweise gibt es keine Verdolmetschung. Ein Schock über die für sie unvorhersehbare behördliche Entscheidung ist hier schon angelegt.

In der Schweizer Gesellschaft ist der Entzug des Aufenthaltsrechts eine institutionell standardisierte Lösung für Problemfälle, in denen die Kinder gefährdet sind. Aus Sicht der Sozialarbeitenden eine rationale, vernünftige Lösung, denn sie ist Teil einer Kultur der Konfliktlösung, bei der das Trennen der Konfliktparteien, das „Auseinandernehmen“ des Problems priorisiert wird; aus Sicht der eritreischen Eltern brutal und sinnlos, denn sie verhindert ein Zusammenbleiben und eine gemeinschaftlich beratene Verantwortungsübernahme. Es liegen hier also zwei kulturell verschiedene Perspektiven auf die Lösung einer gesellschaftlich wiederkehrenden Problemkonstellation vor. Das Perspektivieren, d.h. die Fähigkeit, die Perspektive meines Gegenübers einzuschätzen, einzubeziehen, mich in sie zu versetzen und auch meinem Gegenüber zu ermöglichen, sich in meine Perspektive hineinzuversetzen ist so etwas wie der Goldstandard der interkulturellen Kompetenz. Dafür sind ein weit reichendes Einschätzungsvermögen, sprachliche, auch mehrsprachige Kompetenzen und eine reflektierende Empathie nötig, die man durch Praxis in interkultureller Kommunikation aufbauen kann.

Interkulturelle Kommunikation

Interkulturelle Kommunikation ist das Vermitteln kultureller Unterschiede zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Sie kann sprachlich, nichtsprachlich, multimodal und mehrsprachig stattfinden und zielt auf wechselseitiges Verstehen der Interagierenden ab. Kulturelle Unterschiede aber müssen zunächst auffällig oder bewusst werden, damit man sie überhaupt vermitteln und verstehen kann oder muss. Charakteristisch für ein Bewusstwerden von kulturellen Unterschieden ist ein plötzlicher Erwartungsbruch. Dabei treffen unausgesprochene Erwartungen, was «normal» ist, also für sich, andere und gesellschaftlich zumutbar, aufeinander. Nur wenn diese thematisiert, angesprochen werden, kann von interkultureller Kommunikation gesprochen werden. Im diskutierten Beispielfall lagen zwar verschiedene Sprachen und kulturelle Unterschiede, Normalitätserwartungen und Perspektiven auf mögliche Lösungen vor, aber deren Vermitteln, also eine interkulturelle Kommunikation, fand nicht statt. Wenn die Gesprächsbeteiligten ohne ein Vermitteln von kulturellen Unterschieden bei der eigenen Erwartungshaltung und Einschätzung bleiben und gemäss der je eigenen Normalitätsvorstellung handeln, ist gerade kein Perspektivieren möglich. Anhand des Beispiels werden die weittragenden Konsequenzen für eingewanderte Familien deutlich. Aus Sicht der Schweizer Behörden mag die Familie als ein «problematischer» Fall erscheinen, der bearbeitet werden muss, um «Normalität» wieder herzustellen, vor allem für die Kinder. Dass sich diese «Normalität» kaum mit der der Eltern decken dürfte, liegt auf der Hand. Was als «normal» und was als «problematisch» wahrgenommen wird, ist kulturell geprägt.

Interkulturelle Kompetenz

Interkulturelle Kompetenz wird häufig an Arbeitskontexten festgemacht. Sie umfasst z. B. den erfolgreichen beruflichen Umgang mit Menschen mit und ohne Migrationshintergrund sowie ein gewisses antidiskriminierendes Engagement. Das erfolgreiche Miteinander kann durch fehlendes Wissen und Vorurteile gefährdet werden. Wie treffend wir mit jemandem kommunizieren, kann weit reichende Konsequenzen haben. Für interkulturelle Kompetenz ist daher die Beschäftigung mit der sprachlichen Praxis des Stereotypisierens und ihren alltäglichen, kulturalisierenden, ethnischen, sexistischen und rassistischen Formen wichtig.

Sprache und ihre Wirkung ist insbesondere zentral, wenn wir zwischen dem privaten und beruflichen Alltag unterscheiden: während wir privat mit anderen Zielen an bestimmte Situationen herangehen, uns auf unsere Handlungsroutinen und Erwartungen weitgehend verlassen und möglicherweise mehr Zeit zur Verfügung haben, kann im Beruf eine unvollständige Situationseinschätzung Missverständnisse produzieren, gestörte Kommunikation und schwerwiegende Konsequenzen zur Folge haben. Insbesondere wer in Behörden, im Sozial- und Gesundheitswesen arbeitet, muss zunehmend über vertieftes Wissen zu Migration, Sprache und Kommunikation, Inklusion sowie über interkulturelle Kompetenz verfügen. Ein zentraler Teil interkultureller Kompetenz ist das Verstehen und kommunikative Vermitteln von Unterschieden, im beruflichen und auch im privaten Alltag.