15 Jahre erlebnispädagogische Lagerleitung und (k)ein bisschen müde

Lesen Sie das Interview mit dem erfahrenen Lagerleiter und Familienbegleiter Adi Duss.

Text aus dem Jahresbericht 2017

Unser 25-jähriges Jubiläum nehmen wir zum Anlass einen Blick auf die erlebnispädagogischen Lagerwochen für Kinder, Jugendliche und Mütter zu werfen, die Espoir bereits seit mehr als 15 Jahren anbietet. Der Familienbegleiter Adi Duss hat die Anfänge dieses Angebots miterlebt und mitgestaltet. Im folgenden Interview erzählt er, was ihn an der Rolle des Lagerleiters besonders gereizt hat, worin er die Vorteile dieses Angebots sieht und dass die heutigen Kinder und Jugendlichen nach wie vor «analoge» Aktivitäten sehr schätzen. Uns interessierte natürlich auch, wie Teilnehmende der Lagerwochen unsere Angebote beurteilen. Eine Mutter und ein Jugendlicher haben unsere Fragen dazu beantwortet.

Adi, wie bist du vom Familienbegleiter zum «Lagerexperten» geworden?
Ich habe schon früher während meiner Zeit als Psychiatriepfleger und auch während 10 Jahren Jugendarbeit Lager betreut. Als ich vor über 15 Jahren zu Espoir kam, gab es gar kein derartiges Angebot. Wir starteten damals mit einem Mutter-Kind-Wochenende, später wurde es auf eine Woche ausgeweitet, dann haben wir zusätzlich Abenteuerlager in Tipi-Zelten während der Sommerferien angeboten. Danach verlegten wir das Sommerlager auf feste Unterkünfte, wie ein Naturfreundehaus oder eine Berghütte. 2010 organisierten wir die erste Zirkuswoche in den Herbstferien. Während zwei Jahren habe ich jeweils alle drei Espoir-Lager begleitet. Ich habe also viele Kinder und Mütter intensiv erlebt.

Worin liegt deine Motivation, die Kinder und Familien in ein Lager zu begleiten?
Es ist immer wieder schön, die Freude der Kinder zu sehen. Die strahlenden Gesichter haben mich immer sehr berührt. Ich selbst erinnere mich noch heute gerne daran, wie ich als Kind das Zusammensein mit anderen Kindern genossen habe.

Welche Vorteile siehst du in dieser Art von Freizeitgestaltung für Kinder?
Für die Kinder ist es schön, dieses Gemeinschaftsgefühl zu erleben. Sie profitieren jeweils vom Austausch mit anderen Kindern, die die gleiche Lebenssituation als Pflegekind oder als Familienbegleitungskind haben. Sie profitieren auch, weil sie Ideen für ihre Freizeitgestaltung erhalten, die sie dann zuhause umsetzen können. Als Familienbegleiter müsste ich die Kinder und die Familie mindestens ein Jahr begleiten, um die gleiche Summe an Erfahrungen und Beobachtungen zu machen wie während einer Lagerwoche. Dort nehmen wir die Kinder viel intensiver und rund um die Uhr wahr. Wir erleben gemeinsam die Essenszeiten, die Interaktion mit anderen Kindern und vieles mehr, während die Familienbegleitung immer nur punktuell für wenige Stunden in der Familie ist.

Gibt es Lagererlebnisse, die dich besonders berührt haben und die du nie vergessen wirst?
Ja sicher, zum Beispiel flossen einmal nach einem heftigen Sommergewitter Sturzbäche durch unsere Tipi-Zelte. Die Kinder nahmen es gelassen, aber wir hatten alle Hände voll zu tun, unsere ganze Ausstattung hochzulagern und unsere Schlafsäcke und Kleidung zu trocknen. Zweimal mussten wir wegen des Dauerregens das Tipi-Lager abbrechen. Da nicht alle Eltern für die Abholung verfügbar waren, habe ich zwei Kinder mit zu mir nach Hause genommen, ein anderes Mal haben wir alle im Ziegenstall meines ehemaligen Lagerleiterkollegen übernachtet – so erlebten wir alle die Natur hautnah. Etwas, was mich heute noch zum Schmunzeln bringt, war eine Episode aus einem Zirkuslager. Die Kinder berichteten uns damals ganz aufgeregt und angeekelt vom verschmierten WC im Lagerhaus, in dem wir wohnten. Ein schlimmer Anblick. Ich konnte nur mit zugehaltener Nase und neu gekaufter WC-Bürste alles reinigen. Keines der Kinder wollte mithelfen, diese Sauerei zu beseitigen. Niemand wollte es gewesen sein. Doch dann, fast ein Jahr später bei unserem jährlichen Pflegefamilienfest, kam die Auflösung: Eines der Kinder erzählte mir vom Streich, den sie uns gespielt hatten: Nutella war die «Tatwaffe». Herrlich, wie sie uns an der Nase herumgeführt hatten. Darüber hinaus werden mir immer die strahlenden Gesichter der Kinder während ihren Zirkusaufführungen in Erinnerung bleiben.

Bieten erlebnispädagogische Lagerangebote den Teilnehmenden nachhaltige Erfahrungen?
Ich glaube, alle, die du fragst, werden sich an die Lager erinnern, an denen sie teilgenommen haben. Andere Ferien gehen vielleicht mal vergessen, aber das Lager mit Gleichaltrigen nicht. Teilweise haben die Kinder Freundschaften geschlossen und hatten über die Lagerwoche hinaus Kontakt miteinander. Letztes Jahr hat Jens*, ein ehemaliger Teilnehmer und Pflegekind, unsere Zirkusaufführung besucht. Er macht inzwischen eine Lehre und erzählte den Kindern, wie toll er diese Lager jeweils fand und was er dort gelernt hat. Über diese Verbundenheit freue ich mich natürlich sehr. (Wir haben auch Jens* nach seinen Erfahrungen gefragt. Seine Antworten finden Sie am Ende dieses Interviews).

Worin liegt der fachliche Nutzen der Lagerangebote?
Da wir die Kinder und Jugendlichen intensiv über einen längeren Zeitraum hinweg erleben, sind unsere Beobachtungen sehr wertvoll für die weitere Familienarbeit. Wir tauschen uns mit den zuständigen betreuenden Fachpersonen von Espoir bzw. mit den Eltern und Pflegeeltern darüber aus. Zum Beispiel haben unsere Beobachtungen zum auffälligen Essverhalten eines Kindes dazu geführt, dass die Eltern gemeinsam mit dem Kind nun eine Ernährungsberatung besuchen. Natürlich geben wir auch Positives weiter, was die Eltern jeweils sehr freut

Was hast du persönlich dabei gelernt?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jedes Kind seine Qualitäten hat. Wenn man diese Ressourcen aktivieren und abholen kann, ist das super. Mein ganz persönlicher Lerneffekt darüber hinaus ist Geduld! Für mich waren diese Lager jeweils Extremsituationen im positiven Sinn: 24 Stunden vor Ort, mit allen Sinnen dabei – ich konnte nicht abschalten und schlief wenig. Diese Lager haben mir einen richtigen Energieschub versetzt. Nach Abschluss, auf dem Heimweg setzte dann aber schnell die Erschöpfung ein.

Wie unterscheidet sich die Gestaltung eines Lagers für Kinder und für Jugendliche?
Die Altersspanne von 6 bis 16 Jahren war jeweils eine Herausforderung, aber durch die altersgerechte Aufteilung der Aktivitäten konnten wir allen Bedürfnissen gerecht werden. Das setzt natürlich ein mehrköpfiges Lagerleitungsteam voraus. Ich habe die Alterspanne der Kinder sehr positiv wahrgenommen. Die Kinder motivierten sich gegenseitig. Ihre Sozialkompetenzen wurden gestärkt, indem die Grossen die Kleinen beschützten bzw. ihnen halfen.

Was hat sich im Laufe der vielen Jahre, die du Lager begleitest, verändert?
Natürlich hat die Digitalisierung grosse Veränderungen in unser Leben gebracht. Doch trotz der inzwischen alltäglichen Präsenz von Smartphone und Computer, konnten die Kinder und Jugendlichen im Lager jeweils gut darauf verzichten. Es war kein Problem für sie, ihr Smartphone bei uns abzugeben und es jeweils nur am Abend für eine halbe Stunde zu benutzen. Ich meine, sie haben es sogar genossen, weil so viel anderes los war. Die heutigen Kinder und Jugendlichen schätzen es nach wie vor sehr, «analog» aktiv zu sein. Man muss es ihnen eben nur in attraktiver Form anbieten.

Wodurch unterscheiden sich die Angebote von Espoir von den öffentlichen Lagern von Gemeinden oder Freizeitvereinen?
Den Unterschied sehe ich im höheren Betreuungsschlüssel, den wir in unseren Lagern haben. Wir begleiten die Lager, an denen zwölf bis fünfzehn Kinder bzw. fünf Mütter mit bis zu sechs Kindern teilnehmen, mit jeweils drei bis vier sozialpädagogischen Fachpersonen, denn die Kinder haben alle einen schwierigen Lebenshintergrund. Deswegen könnten wohl die meisten von ihnen kein öffentliches Lager besuchen. Dort gibt es gar nicht die personellen Kapazitäten, um auf ihre besonderen Bedürfnisse einzugehen. Sie hätten also kaum Gelegenheiten, an derartigen Freizeitaktivitäten teilzunehmen, was sehr schade wäre.

Was hat sich aus deiner Sicht bei der Gestaltung der Lager besonders bewährt?
Eine Lagerleitung sollte in meinen Augen nicht mit zu hohen Erwartungen in ein Lager gehen. Wichtig ist es, flexibel und offen zu sein und bereit zu sein, etwas aus dem zu machen, was kommt. Für ein gelingendes Lager muss man die Kinder unbedingt in die Programmgestaltung einbeziehen. Ausserdem ist die Zusammensetzung des Lagerleitungsteams enorm wichtig: Die einzelnen Teammitglieder sollten sich in ihren Fähigkeiten und Stärken ergänzen. Damit alle am gleichen Strick ziehen und die gleiche Haltung vertreten, ist eine gute vorherige Absprache wichtig. Sobald die Kinder merken, dass sich das Leitungsteam nicht einig ist, versuchen sie das für sich auszunutzen und es bringt Unruhe in die Gruppe.

Warum ziehst du dich als Lagerleiter zurück?
Weil ich immer längere Erholungszeiten nach diesen Lagern brauche, ziehe ich mich – wenn auch mit einem weinenden Auge – zurück. Ich wollte mich schon mehrmals von der Lagerleitung zurückziehen, habe es dann doch nicht übers Herz gebracht, denn es war jeweils eine sehr spannende Erfahrung für mich, aus dem Alltag herauszukommen. Da ging es mir genau gleich wie den Kindern.

Wie haben die Kinder dich in deiner Rolle als Lagerleiter wahrgenommen?
Ich habe viele Komplimente erhalten und sie sagten immer: «Du darfst nicht aufhören.»
Ich hatte jeweils die Rolle des Spassmachers, die ich auch im privaten Umfeld gerne einnehme. Allerdings kann ich auch knallhart Grenzen setzen, wenn es erforderlich ist. Kinder können sehr gut damit umgehen, sie mögen es, wenn man authentisch ist. Die Kinder schätzten immer sehr, dass ich sie einbezogen habe. Mein Credo ist, die Kinder machen zu lassen, ihnen zuzutrauen ihre Stärken auszuleben. Es spornt mich eben an, das Potential der Kinder sichtbar zu machen.

Jens hat sieben Mal an der Zirkuswoche von Espoir teilgenommen. Was hat dir an der Zirkuswoche am besten gefallen?
Das Klima allgemein, die Kombination von Zirkus und Gemeinschaft und für eine Woche unter «gleichen» Kindern, die alle ähnlich schwierige Sachen erlebt hatten, zu sein. Ich konnte in der Woche gut abschalten von allem Schwierigen.

Was hast du dort gelernt?
Ich habe gelernt fürs Leben. Ich habe mich selber besser kennengelernt und ganz neue Seiten an mir entdeckt.

Wie war der Kontakt zu den anderen Kindern und Jugendlichen, hat es dich gestört, dass jüngere dabei waren?
Gut. Wir sind auch aneinander geraten. Aber wir haben das immer klären können und hatten dann ein gutes Verhältnis. Ich fand es gut, dass auch Jüngere dabei waren. Ich konnte ihnen gegenüber auch eine ganz andere Rolle einnehmen, eher wie ein Vorbild. Das hat mir gut getan.

Was war dein schönstes Erlebnis bei diesen Zirkuslagern, das du nie vergessen wirst?
Ganz spontan: Meier-Müller spielen, das war immer besonders toll.

Frau Rival hat mehrere Male mit ihren beiden Kinder an der Mutter-Kind-Woche von Espoir teilgenommen hat. Ws hat Ihnen daran besonder gefallen?
Dass die Ferien betreut waren. Je besser ich das Betreuerteam kannte, umso besser fand ich die Lager. Auch mal weg von zu Hause zu sein und nicht kochen zu müssen, war sehr schön. Der Lagerort in Pura hat mir und den Kindern sehr gefallen, obwohl der Ort etwas umgeständlich mit Bus und Bahn zu erreichen ist und wir häufig umsteigen mussten. Die Organisation des Lagers wurde immer besser. Wir hatten am Ende immer eine Auswertungsrunde, wo wir sagen konnten, was gut und nicht so gut gewesen war.

Konnten Sie Erfahrungen daraus in Ihren Alltag mit den Kindern übertragen?
Ja, ich sah wie andere Mütter mit ihren Kindern umgingen und konnte so vergleichen wie das andere machten. Ich konnte mich gut mit anderen Müttern austauschen, bekam Tipps und konnte auch anderen Tipps geben. Es war auch eine Bestätigung, dass meine Kinder gut erzogen werden und sich anständig benehmen. Ich bekam mehrfach Komplimente deswegen.

Wie war der Kontakt zu den anderen Müttern und den Kindern?
Natürlich waren nicht alle gleich sympathisch, doch meistens war der Gruppenzusammenhalt gut. Es ergaben sich auch engere Beziehungen. Einige Mütter habe ich später wieder getroffen. Doch mit der Zeit brach der Kontakt ab. Die Kinder genossen es aber immer, mit anderen Kindern zusammen zu sein; auch die Durchmischung von verschiedenen Altersgruppen fand ich gut. Wir waren meistens als Gruppe zusammen, hatten auch schwierige Momente, doch mehrheitlich war es wie Ferien locker und auch lustig. Ich denke, wir haben alle voneinander profitiert.

*Aus Datenschutzgründen haben wir die Namen geändert.