Kinder psychisch kranker Eltern

Text aus Bulletin 2014

«Meine Mutter lag immer auf dem Sofa.» Sabrina* musste als Kind mit ansehen, wie ihre Mutter tagelang im Wohnzimmer der vierköpfigen Familie P.* lag, von Selbstzweifeln geplagt. Unfähig, ihren Kindern etwas zu essen zu kochen oder sich um ihre anderen alltäglichen Bedürfnisse zu kümmern.

Die psychische Krankheit von Sabrinas Mutter bestimmte Rhythmus, Tonfall und Farbe des Alltags. Meist umhüllte das Leiden die Familie wie ein grosses, schwarzes Geheimnis. Nach aussen durfte nichts dringen. Freundinnen brachten Sabrina und ihre jüngere Schwester nie nach Hause. Wie hätte sie erklären sollen, dass ihre Mama am helllichten Tag mit heruntergezogenen Storen auf dem Sofa lag? Sabrinas Vater hielt die Familienwelt zwar zusammen, doch zum Spielen, Kuscheln und Lachen fehlte auch ihm die Kraft. Er ist mit der Situation überfordert, eine kranke Frau und drei Kinder zu betreuen. Zudem hat er kaum Kenntnisse der Schweizer Kultur, weiss nicht, wie mit Schule oder Behörden umzugehen ist. Er arbeitet zehn und mehr Stunden am Tag, aber das Geld reicht trotzdem immer nur knapp. Deutsch sprechen er und seine Frau nur wenige Brocken.

Kein kindgerechter Alltag
Die 12-jährige Sabrina stellte sich den Wecker selbst, brachte ihre kleine Schwester zur Schule, besorgte die Einkäufe und verabreichte der Mutter die Medikamente. Sie achtete darauf, dass niemand merkte, wie schlimm es zu Hause war. Psychische Erkrankungen werden häufig in Familie und Umfeld verheimlicht. Bis es zum Kollaps des Systems kommt. Oder bis jemand von aussen darauf aufmerksam wird. Im Fall von Sabrina fiel ihrem Lehrer auf, dass sie zeitweise in der Schule sehr abwesend und bedrückt wirkte. Er vermisste die Sorglosigkeit, Spontaneität und Lebhaftigkeit, die er bei anderen Kindern gewohnt war und reichte daher eine Gefährdungsmeldung ein. Trotz allem war Sabrina eine gute und fleissige Schülerin.

Stabilität durch enge Begleitung
Espoir hat  langjährige Erfahrung in der Begleitung von Kindern psychisch kranker Eltern (KipkE). Im Auftrag eines Sozialzentrums der Stadt Zürich übernahm Espoir die Familienbegleitung der Familie P. mit dem Ziel, die Eltern zu befähigen, ihre erzieherische Verantwortung wahrzunehmen, um die Kinder zu entlasten sowie die Familie stärker zu vernetzen, so dass das System tragfähiger werden kann. Zwei Familienbegleitende von Espoir betreuten die Familie abwechselnd über einen längeren Zeitraum. Anfänglich besuchten sie sie dreimal wöchentlich à je drei Stunden, später konnten die Besuche reduziert werden. Espoir half beispielsweise bei der Suche nach einem Psychiater für die Mutter. Anfänglich konnte Frau P. den Weg zum Arzt nicht selbstständig bewältigen und musste begleitet werden. Frau P. nahm die Medikamente nur unregelmässig ein; manchmal vergass sie sie oder nahm die doppelte Dosis ein. Nach der Einnahme der Medikamente war sie oft müde und antriebslos. Sie hat am Morgen verschlafen und die Kinder mussten alleine zur Schule. Dort kamen sie daher häufig nicht rechtzeitig an. Dank der engen Zusammenarbeit mit dem Arzt  erfolgte später eine Umstellung auf ein Depotpräparat, weil Frau P. mit der oralen Einnahme überfordert war. Zudem organisierte Espoir die Spitex zur Unterstützung von Frau P. bei körperlicher Hygiene und zur Anleitung im Haushalt.

Die Familienbegleitung half den Eltern bei der Suche nach einem Deutschkurs, begleitete sie zu Schulgesprächen und half beim Aufbau einer Tagesstruktur für Frau P. Herr P. erhielt Unterstützung bei der Erziehung der Kinder und im Umgang mit seiner kranken Frau, bei administrativen Angelegenheiten und bei der Ablösung von der Sozialhilfe. Zudem vermittelte Espoir den Eltern Möglichkeiten für kostengünstige Aktivitäten für Kinder. Sabrina wurde von den Erziehungsaufgaben für ihre Geschwister und der Medikamentenabgabe entlastet. Die Familienbegleitung half ihr dabei, sich abzugrenzen, eigene Interessen kundzutun und der Mutter etwas zuzutrauen. Auch bei der Lehrstellensuche hat Espoir geholfen.

Sabrina ist kein Einzelfall
Rund 4000 Kinder, so schätzt man aufgrund einer Studie der Hochschule für Soziale Arbeit, der Integrierten Psychiatrie Winterthur und der Kinderklinik des Kantonsspitals Winterthur, leben allein im Kanton Zürich in der Obhut eines psychisch kranken Elternteils. Mindestens 20'000 sollen es landesweit sein; eine Nationalfondsstudie aus dem Jahr 2003 spricht gar von mindestens 50'000. Jede dritte psychisch kranke Frau, jeder sechste kranke Mann sind Eltern von ein oder mehreren Kindern. Und die Anzahl Diagnosen psychischer Erkrankungen nimmt zu. Die Dunkelziffer ist aber noch viel höher. Denn über psychische Probleme spricht man nicht. Und so erfährt selbst die engste Umgebung erst dann etwas, wenn alle Stricke längst gerissen sind.

Wenn eine Mutter oder ein Vater emotional abwesend ist, sich seltsam verhält, ist das Kind verwirrt. Und wenn es für das Verhalten der Eltern keine Erklärung hat, nicht weiss, dass es sich dabei um eine Krankheit handelt, reimt es sich etwas zusammen. Meist bedeutet dies, dass das Kind sich selbst die Schuld für das Verhalten des Elternteils gibt. Denn es liegt in der Natur der kindlichen Psyche, dass es die Welt aus egozentrischer Sicht wahrnimmt. «Ich hab nicht aufgeräumt, deshalb geht es Mami schlecht.» Kinder passen sich psychisch den Bedingungen zuhause an. Sie schlittern wie Sabrina oft in eine Erwachsenenrolle, die sie  massiv überfordert: den Haushalt erledigen, Mama trösten, daheim bleiben, statt mit Freundinnen zu spielen – brav sein in der Hoffnung, dass die Lebensgeister der abgedrifteten Eltern wieder zurückkehren. Weil aber oft ungewiss ist, ob und wann die Eltern wieder gesund sind, erklärt die Familienbegleiterin von Espoir dem Kind in Gesprächen, was die Krankheit der Mama ist, woher sie kommt und wie es damit umgehen kann. Das Kind sucht die Schuld nicht mehr bei sich selber.

Oberstes Ziel der Familienbegleitung KipkE von Espoir ist es, dass eine Fremdplatzierung verhindert werden kann und die Eltern die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder ihren psychischen Fähigkeiten entsprechend wahrnehmen können. Die Kinder lernen die Unzulänglichkeiten ihrer Eltern verstehen und können sich ohne Schuldgefühle entwickeln. Die Eltern erfahren, dass sie trotz Erkrankung Eltern sein können. Sie wissen, wann und wo sie Hilfe annehmen müssen. Auch die Belastbarkeit des gesunden Elternteils wird berücksichtigt.

Das Umfeld muss mitziehen
Je nach  Intensität und Verlauf einer psychischen Krankheit kann es zu geringen bis ausgeprägten Einschränkungen des Familienlebens kommen. Es bedarf deshalb einer individuellen Lösung pro Familie. Eine enge Zusammenarbeit mit anderen involvierten Institutionen und Fachpersonen, z.B. Ärzten, Lehrpersonen, ist für den Erfolg der Familienbegleitung sehr wichtig.

Intensive Arbeit lohnt sich
Nach einem langen und intensiven  Familienbegleitungseinsatz  kann für Familie P. eine positive Bilanz gezogen werden: die Eltern übernehmen zunehmend die Erziehungsverantwortung. Die Kinder haben gelernt, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen. Durch die regelmässige Einnahme der Medikamente, konnte Frau P. zunehmend am Leben ihrer Kinder teilnehmen und war motiviert, Deutsch zu lernen. Zudem erhielt sie eine Invalidenrente. Die Familie konnte sich von der Sozialhilfe lösen und sie gingen erstmals gemeinsam in die Ferien. Sabrina ist heute 24 Jahre alt, Informatikerin und eine aufgeschlossene ,selbstbewusste junge Frau. «Dank der Familienbegleitung von Espoir sind wir heute so etwas wie eine normale Familie», fasst sie die zurückliegenden Jahre zusammen.

* Namen geändert

AutorInnen

Anne-Sophie Nyman                                Hugo Raschle
KoordinatorInnen