Familienbegleitung per Video

Text aus Bulletin 2014

Die Entwicklungspsychologische Be­ratung (EPB) ist ein videobasiertes Unter­stützungsangebot zur Förderung der el­terlichen Feinfühligkeit gegenüber ihren Kindern im Säuglings- und Kleinkindal­ter. Sie dient dem Aufbau einer gelunge­nen Eltern-Kind-Beziehung und einer si­cheren emotionalen Bindung beim Kind.

EPB sensibilisiert die Eltern anhand von Videosequenzen für die individuel­len Fähigkeiten und Bedürfnisse des Kin­des, vermittelt ihnen Wissen zur kindli­chen Entwicklung und stärkt das elterliche Selbstwertgefühl. Eine sichere emotio­nale Bindung beim Kind gilt als ein we­sentlicher Schutzfaktor bei späteren Be­lastungen und bei der Bewältigung von schwierigen Lebenssituationen. Durch die EPB soll Entwicklungs- und Verhal­tensschwierigkeiten in der Interaktion zwischen Eltern und Kind vorgebeugt be­ziehungsweise sollen diese frühzeitig er­kannt werden. Dabei liegt der Fokus der Beratung auf der Beobachtung des Kin­des mit seinen individuellen Kompeten­zen und Bedürfnissen.

Wer profitiert von EPB?
EPB richtet sich gleichermassen an:

  • Familien mit Säuglingen und Kleinkin­dern in besonderen Lebenssituatio­nen, zum Beispiel frühgeborenen, be­hinderten oder kranken Säuglingen
  • Pflegefamilien bei der Aufnahme von Säuglingen oder Kleinkindern oder beim Kontaktaufbau zwischen dem Baby/Kleinkind und den leiblichen Eltern
  • unsichere und (vor-)belastete Eltern, u.a. sehr junge, psychisch kranke, suchtkranke oder auch kognitiv schwache Eltern
  • Familien mit entwicklungspsychologi­schem Interesse

EPB basiert auf einer wertschätzenden und ressourcenorientierten Haltung ge­genüber den Eltern. Ausgangspunkt der Beratung ist immer die Beobachtung des Kindes mit seinen individuellen Kompe­tenzen und Bedürfnissen. Dabei wird die elterliche Sensibilität gefördert, die Sig­nale ihres Säuglings/Kleinkindes wahr­zunehmen. Bei einer Beratung werden mit den Eltern kurze Filmaufnahmen von alltäglichen Interaktionen, zum Beispiel einer Wickel-, Fütter- oder Spielsequenz, mit ihrem Säugling oder Kleinkind ge­macht. Beim Videofeedback werden kurze Ausschnitte von gelungenen Inter­aktionen betrachtet, zum Beispiel: Ein Kind weint, während es gewickelt wird, der Elternteil nimmt das Kind auf den Arm, singt ein Lied und wiegt es sanft hin und her, das Kind hört auf zu weinen, ent­spannt sich und nimmt mit dem Elternteil Blickkontakt auf. Dabei wird der Fokus auf die Fähigkeiten und Stärken des Kin­des gelegt. Gerade diese wertschätzende Arbeit mit den Videobildern erlaubt den Eltern, auch bei grösseren psychosozia­len Belastungen einen positiven Blick auf ihr Kind und auf ihre Rolle als Mutter oder Vater zu erhalten und diese im All­tag zu nutzen.

Fallbeispiel Sabine*
Eine wichtige Voraussetzung für den Beginn einer Beratung ist, dass die Eltern selber ein Beratungsanliegen haben. Dieses Anliegen muss nicht zwingend mit dem «Arbeitsthema» übereinstim­men, das die Beraterin sieht. So war es zum Beispiel Frau Weber* nicht mehr möglich ihr zweijähriges Mädchen Sabine zu wickeln, da sich diese stark weinend mit Händen und Füssen gegen das Win­delwechseln wehrte. Frau Weber war aufgrund dieses Verhaltens ihrer Tochter verzweifelt und konnte sie schliesslich nur noch mit Hilfe ihres Mannes, der Sa­bine auf dem Wickeltisch festhielt, im Eiltempo wickeln. Frau Webers Bera­tungsanliegen war, dass sie Sabine end­lich dazu bringen konnte, ruhig auf dem Wickeltisch zu liegen. Das Beratungs­thema der Beraterin war aber, dass Frau Weber beginnen sollte, mit Sabine zu sprechen. Sie sollte Sabine erklären, dass sie jetzt Windeln wechseln wolle, dass sie sie auf den Wickeltisch lege und gut verstehe, dass Sabine jetzt keine Lust auf das Wickeln habe, dass dies jetzt aber nötig sei, weil die Windel voll sei. Auch könnte sie ihre Tochter ins Geschehen einbeziehen, indem sie helfen darf durch das Halten von Feuchttüchern oder Creme, die sie dann der Mutter geben kann, wodurch auch eine Interaktion stattfindet. Für die Familienbegleiterin­nen ist es immer wieder sehr eindrück­lich zu erleben, wie viel einfacher und nachhaltiger es für die Eltern ist, durch die Videobilder Anregungen für kleine Veränderungen gegenüber ihrem Kind zu bekommen als «nur» durch gemeinsame Gespräche und Anleitungen.

Fallbeispiel David*
In der Familienbegleitung von Frau Gerber* und ihrem 18 Monate alten Sohn David war die Beziehung zwischen Mut­ter und Kind durch gegenseitige Missver­ständnisse geprägt. Lag David auf dem Wickeltisch und schaute seine Mutter ganz interessiert und offen an, bemerkte dies Frau Gerber selten, weil sie sich auf die Körperpflege und das Anziehen der neuen Windel und Kleider konzentrierte. Sie konnte sich nicht erklären, warum David beim Wickeln so oft quengelte und sich mit grosser Kraft dagegen wehrte. Wenn David am Esstisch lieber selber essen wollte und dies Frau Gerber nicht erlaubte, weil sie fürchtete, dass David nicht genug essen würde, musste David regelmässig heftig weinen und verweigerte das weitere Essen. Spielte er aber friedlich mit seinem geliebten Trak­tor und beachtete die Mutter an seiner Seite nicht, so fühlte sich die Mutter un­sicher in ihrer Beziehung zu ihrem Sohn und begann durch Kitzeln oder Necken mit ihrem Sohn Kontakt aufzunehmen. David fühlte sich dann aber in seinem Spiel gestört und begann wieder heftig zu weinen, worauf die Mutter jeweils frustriert war und fürchtete, dass ihr Sohn sie gar nicht gern habe und sie wohl alles falsch mache. Trotz vieler Ge­spräche und konkreter Anleitung änderte sich in Frau Gerbers Beziehung zu ihrem Sohn kaum etwas. Erst als die Beraterin ihr mittels Videofeedback zeigen konnte, wie kompetent David ist und was er ihr für Signale gibt und sie diese zu verste­hen lernte und angepasst darauf zu re­agieren begann, änderte sich die Mutter-Kind-Beziehung in grossen Schritten. Frau Gerber wollte die kurzen Filmaus­schnitte, in denen zum Beispiel ein Blick­kontakt zwischen David und ihr zu sehen war, immer und immer wieder anschauen. Als sie das erste Mal auf Video sah, wie David sie in einer Wickelsituation an­strahlte und sie dieses Lachen erwidern konnte, kullerten ihr Tränen der Rührung und der Freude über die Wangen. Frau Gerber lernte ihren Sohn immer besser verstehen und fühlte sich gleichzeitig immer selbstsicherer und zufriedener in ihrer Rolle als alleinerziehende Mutter.

EPB überzeugt in der Praxis
Unsere bisherigen Erfahrungen mit EPB sind durchwegs positiv. Die Ausbil­dung in entwicklungspsychologischer Beratung hat unsere Wahrnehmung der Eltern-Kind-Interaktion geschult und ge­schärft. Von diesem geschärften Blick profitieren wir bei allen unseren Famili­enbegleitungseinsätzen sehr. EPB stösst jedoch an Grenzen, wenn trotz Koopera­tion der Eltern keine Veränderung in der Eltern-Kind-Beziehung möglich ist und eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Dann werden zum Schutz des Kindes an­dere Massnahmen notwendig, zum Bei­spiel ein Mutter-Kind-Heim oder eine Platzierung des Kindes. Auch wenn sich ein Elternteil vehement weigert, gefilmt zu werden, können wir nicht mit EPB ar­beiten.

* Namen geändert

Autorinnen

Chantal Plaar                                Petra Krippner
Familienbegleiterinnen