Nutzen von SOS-Pflegefamilien für das betroffene Kind

Beitrag von Olaf Stähli, Co-Leiter der Schweizerischen Fachstelle Pflegefamilie SFP (erschienen im Espoir-Jahresbericht 2019)

Seit jeher haben sich Menschen um andere Menschen in Not gekümmert und Familien haben fremde Kinder aufgenommen. Heute verfügt die Gesellschaft beziehungsweise der Staat über verschiedene Formen, um Kinder, die vorübergehend oder langfristig nicht in ihrer Herkunftsfamilie bleiben können, fremd unterzubringen. Eine dieser Formen ist die Platzierung von Säuglingen und Kleinkindern in SOS-Pflegefamilien. Der vordergründige Nutzen für das betroffene Kind – Schutz und Versorgung – liegt auf der Hand, da die Eltern nicht in der Lage sind, diese zu gewährleisten. Schauen wir die SOS-Platzierung in Pflegefamilien aus der Perspektive der Bindungstheorie und der Psychotraumatologie an, zeigt sich ein zusätzlicher wesentlicher Nutzen für das Kind.

Risikofaktoren: Beziehungsabbruch und Traumatisierung
Muss ein Kind notfallmässig fremdplatziert werden, haben wir meist eine Kombination zweier, oft dreier Risikofaktoren. Einerseits (1) findet durch die Platzierung ein Beziehungsabbruch oder eine wesentliche Beziehungsveränderung zur vorhergehenden primären Bezugsperson statt; in der Regel ist dies die Mutter. Andererseits (2) ist mindestens ein belastendes und oft traumatisierendes Ereignis eingetroffen, welches zur Platzierung führt. Leider handelt es sich in vielen Fällen nicht nur um ein Ereignis, sondern es fanden bereits (3) mehrere traumatisierende Ereignisse statt. Unabhängig davon, ob das Kind am Tag der Geburt oder als Kleinkind platziert wird, wissen wir, dass Kinder bereits vorgeburtlich oder in den ersten Tagen schwersten Belastungen ausgesetzt sein können, z.B. physischer Gewalt, Suchtmittelentzug oder Vernachlässigung.

Die Tragik bei früh belasteten Kindern liegt oft in der Kombination aus der Traumatisierung und der mangelnden Bindungsqualität. Der wichtigste Faktor, der darüber entscheidet, ob Menschen bei schweren Belastungen später Folgestörungen entwickeln oder nicht, ist die Qualität der Bindung mit wohlwollenden Menschen in der Zeit unmittelbar nach dem traumatisierenden Ereignis. Fällt die bisher wichtigste Bezugsperson weg oder ist diese Person sogar Verursacherin der Traumatisierung, fällt auch der wichtigste Schutzfaktor weg. Trotzdem sind Kinder von Natur aus resilient und finden einen Weg, irgendwie zurechtzukommen. Aber das Risiko, dass dieser Weg von grossen Störungen, Auffälligkeiten und Lebensqualitätseinbussen geprägt sein wird, steigt beträchtlich an.

Schutzfaktoren: feinfühlige Bezugspersonen und gesunde Bindungen
Nebst dem Schutz und der Versorgung des Kindes liegt der Nutzen bei der SOS-Platzierung insbesondere darin, dass das Kind von einer entwicklungsfördernden Umgebung, sprich neuen primären Bezugsperson mit der Fähigkeit, gesunde Bindungen zu ermöglichen, profitieren kann. Alle Säuglinge und Kleinkinder sind auf feinfühlige Bezugspersonen angewiesen. Die Herausforderung bei Kindern mit schweren Belastungen liegt aber darin, dass sie es (aufgrund ihrer Erfahrungen und den daraus entstehenden Störungen) den Pflegeeltern erschweren, gute Bindungen zu ermöglichen. Dies kann in einer offensichtlicheren Form geschehen, indem Verhaltensauffälligkeiten des Kindes die Pflegeeltern an deren Belastungsgrenze führen, oder weniger offensichtlich, indem z.B. bei den Pflegeeltern aufgrund subtiler Übertragungsphänomene eine innere Distanzierung zum Kind aufkommt.

Ein wesentlicher Nutzen der SOS-Platzierung besteht darum darin, dass dem Kind trotz möglicher erschwerender Umstände eine für die Zeit der Platzierung tragfähige Bindung geboten wird. Die veraltete Idee, dass Kindern zu deren Schutz bei SOS-Platzierungen keine Bindung geboten werden soll - das Kind werde sonst ja beim Bindungsabbruch traumatisiert - ist falsch. Dieser Ansatz kommt einer Vernachlässigung und Schädigung des Kindes gleich. Jedes Kind – jeder Mensch – hat das Bedürfnis, sich zu binden und die Vorenthaltung führt zu einer Verletzung und Schädigung.

Ein auf heutigem Fachwissen beruhendes SOS-Platzierungsangebot sollte also das Kriterium der Bindungsqualität als wichtigster psychosozialer Entwicklungsfaktor und als bedeutendster Heilungsfaktor von Traumatisierungen erfüllen. Was das konkret bedeutet, ist in der Literatur u.a. mit dem Konzept der Feinfühligkeit, der Traumapädagogik oder der 3v-Formel (vertraut, verlässlich, verfügbar) beschrieben. Alle haben gemeinsam, dass mindestens eine verfügbare Bezugsperson eine empathische und nahe Beziehung zum Kind lebt. Das setzt die Bereitschaft und Fähigkeit voraus, viel Zeit für das Kind zu haben und sich emotional auf das Kind einzulassen. Gerade dem Aspekt der eigenen Gefühle der Bezugspersonen kommt grosse Bedeutung zu. Denn Bindung ist nur durch emotionale Verbundenheit möglich. Eine grosse professionelle Distanz verhindert die Bindungsqualität, die Kinder benötigen; es braucht Nähe oder, im beruflichen Kontext, professionelle Nähe.

Der familiäre Rahmen der Pflegefamilie bietet ideale Strukturen, um Bindung zu ermöglichen. Durch die pflegeelterliche stetige Präsenz, bei der ein bis zwei Pflegeeltern 24 Stunden an 7 Tagen gegenwärtig sind, bestehen strukturell ideale Bindungsvoraussetzungen. Zwar können auch andere Settings mit mehreren Bezugspersonen den Aspekt der Bindung gut gewährleisten, es benötigt aber sorgfältige Absprachen und Planung, um zu gewährleisten, dass das Kind auch wirklich verfügbare und vertraute Bezugspersonen erlebt.

Der strukturelle Vorteil der Pflegefamilie allein ist aber noch kein Garant für eine hohe Bindungsqualität. Bereits entstandene Bindungsmuster und frühkindliche Traumatisierungen können zu herausfordernden komplexen Entwicklungsstörungen führen und die Bindung zu den Pflegeeltern beeinträchtigen. So birgt die Traumatisierung und/oder eine Bindungsstörung eines Kindes das grösste Risiko, ob nebst der physiologischen Versorgung auch wirklich eine psychosoziale Entwicklungsförderung oder sogar heilende Prozesse ermöglicht werden können oder nicht.

Beratung, Wissensvermittlung und Unterstützung für Pflegeeltern
Zum Glück verfügen wir heute über viel psychologisches und sozialpädagogisches Wissen, welches uns ermöglicht, die komplexen Auswirkungen von schweren Belastungen und Schädigungen zu verstehen und entwicklungsfördernd damit umzugehen. Leider ist dieses Wissen, obwohl in der Wissenschaft weitgehend unbestritten, bei den Pflegeeltern oder auch bei Fachpersonen nicht immer vorhanden. So passiert es auch, dass sich engagierte und wohlwollende Pflegeeltern mangels Wissens und Unterstützung in der Dynamik der Störungen verfangen. Im besseren Fall bedeutet dies für das Pflegekind weniger Heilungs- und Entwicklungsfortschritte als eigentlich möglich wären. Im schlechtesten Fall bedeutet es Abbrüche und Retraumatisierungen.

Die Schweizerische Fachstelle Pflegefamilie engagiert sich darum dafür, dass alle Pflegeeltern die wichtigsten – in psychosozialen Berufen eigentlich selbstverständlichen – Unterstützungen und Förderungen erhalten: Wissen, Vernetzung, Beratung und Begleitung. Um jedem Pflegekind bestmögliche Entwicklungschancen zu gewährleisten, sollten psychologisches und sozialpädagogisches Wissen und Methoden, Erfahrungsaustausch und gegenseitige Unterstützung sowie Fachberatung und Supervision allen Pflegefamilien zugutekommen. Zusätzlich sollte bei allen schwer belasteten Pflegekindern und/oder deren Herkunftsfamilien – und das sind nicht wenige – eine fachliche Begleitung für die Pflegefamilie gewährleistet sein, so wie dies Familienplatzierungsorganisationen wie Espoir leisten.

Die Schweizerische Fachstelle Pflegefamilie SFP setzt sich mit direkten Angeboten wie Weiterbildung, Vernetzung, Beratung und Engagement  für beste Bedingungen von Pflegefamilien und Pflegekindern ein. www.fachstelle-pflegefamilie.ch.

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